„Auf dem Land liegen die Netzwerke schon bereit, man muss sie nur nutzen.“

Sportvereine, Feuerwehren, Simson-Sammler – der ländliche Raum bietet Strukturen, von denen Städte nur träumen. Im Interview erklärt Sami Atris, Lead Organizer der Berliner Bürgerplattformen, warum diese Netzwerke wahre Schätze für Community Organizing sind und wie kleine Erfolge große Wirkung entfalten.

Wer selbst erleben möchte, wie Community Organizing funktioniert, ist am 11. und 12. Oktober 2025 im Workshop „Beziehungsstiftende Dorf- und Stadtteilentwicklung“ in Vetschau herzlich eingeladen.

Herr Atris, Community Organizing ist vor allem aus Städten bekannt. Welche besonderen Chancen sehen Sie für diese Methode im ländlichen Raum?

Der ländliche Raum hat Strukturen, um die uns jeder Stadtorganizer beneiden würde. Wo sonst finden Sie noch Vereine mit 50-jähriger Tradition, Kirchengemeinden, die drei Generationen einer Familie vereinen, oder Feuerwehren, in denen der Bürgermeister neben dem Landwirt und dem Handwerker steht?

Diese gewachsenen Netzwerke sind Gold wert für Community Organizing. In der Stadt müssen wir mühsam Beziehungen aufbauen zwischen Menschen, die sich nie begegnet wären. Auf dem Land kennt man sich bereits – das ist der entscheidende Startvorteil.

Dazu kommt: Die Probleme sind greifbar und betreffen alle. Wenn der einzige Dorfladen schließt, spürt das jeder. Wenn die Busverbindung gestrichen wird, sind alle betroffen. Diese gemeinsamen Herausforderungen schweißen zusammen und machen deutlich, warum man sich organisieren muss.

In vielen Dörfern kennen sich die Menschen bereits. Worin unterscheidet sich der Aufbau von tragfähigen Beziehungen auf dem Land von dem in der Stadt?

Das ist ein entscheidender Punkt. Sich kennen und tragfähige Beziehungen haben – das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Auf dem Land herrscht oft eine höfliche Oberflächlichkeit. Man grüßt sich, redet über das Wetter, aber über die wirklichen Sorgen spricht man nicht.

Als Community Organizer müssen wir diese oberflächlichen Kontakte in tiefe, vertrauensvolle Beziehungen verwandeln. Das bedeutet: Weg vom Smalltalk, hin zu echten Gesprächen über das, was die Menschen bewegt. Was sind ihre Ängste? Welche Träume haben sie für ihr Dorf?

Über den Autor:

Sami Atris ist Lead Organizer der Berliner Bürgerplattformen bei Community Organizing Deutschland und verfügt über langjährige Erfahrung in der Begleitung von Beteiligungsprozessen. 

In seiner Arbeit bringt er Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen und unterstützt sie dabei, ihre Interessen sichtbar zu machen und gemeinsame Anliegen durchzusetzen. Mit seiner praxisnahen Art zeigt er, wie aus Gesprächen und Beziehungen handfeste Veränderungen im Alltag entstehen.

In der Stadt beginne ich bei null. Auf dem Land muss ich oft erst die Höflichkeitsmasken durchbrechen. Aber wenn das gelingt, entstehen Beziehungen von einer Qualität, die in der Stadt selten zu finden ist. Die Menschen stehen dann wirklich füreinander ein.

Welche Hindernisse erleben Sie, wenn es darum geht, Menschen in kleinen Gemeinden zu aktivieren? Wie kann man sie überwinden?

Das größte Hindernis ist die erlernte Hilflosigkeit. Viele Menschen auf dem Land haben jahrzehntelang erlebt, dass über sie entschieden wird. „Da kann man eh nichts machen“ – diesen Satz höre ich ständig. Die Menschen haben verinnerlicht, dass sie machtlos sind.

Ein weiteres Problem sind die alten Grabenkämpfe. In jedem Dorf gibt es diese unsichtbaren Fronten: die „Alteingesessenen“ gegen die „Zugezogenen“, verschiedene Vereine, die sich spinnefeind sind, oder Familien, die sich seit Generationen nicht leiden können.

Die Antwort darauf ist ganz einfach: Wir beginnen mit kleinen, erreichbaren Zielen und konkreten Erfolgen. Wenn die Bürgerplattform erreicht, dass der Spielplatz repariert wird oder die Tempo-30-Zone eingerichtet wird, dann verstehen die Menschen: „Wir können etwas bewegen!“

Und für die alten Konflikte gilt: Gemeinsame Interessen sind stärker als alte Ressentiments. Wenn es um die Zukunft der Kinder oder die Pflege der Alten geht, rücken die Menschen zusammen.

Wie lassen sich durch Community Organizing konkrete Verbesserungen im Alltag einer ländlichen Gemeinde anstoßen? Können Sie ein Beispiel geben?

Das Prinzip ist immer dasselbe: Man beginnt mit einem konkreten Problem, das viele Menschen betrifft, baut eine breite Koalition auf und verhandelt dann mit den Entscheidungsträgern auf Augenhöhe.

Ein altes, aber gutes Beispiel kommt aus den USA, wo Saul Alinsky in den 1960er Jahren in ländlichen Gemeinden gearbeitet hat. Dort ging es um eine Gemeinde, in der die einzige Bank drohte zu schließen. Einzelne Proteste blieben erfolglos. Dann organisierten sich Farmer, Geschäftsleute, Kirchengemeinden und Vereine zu einer Bürgerplattform. Mit 600 Menschen im Rücken konnten sie nicht nur die Bankschließung verhindern, sondern auch bessere Kreditkonditionen für lokale Unternehmen aushandeln.

Dieses Prinzip funktionier in der Stadt wie auf dem Land.

Der Schlüssel liegt immer darin, dass die Menschen erkennen: Gemeinsam haben wir Macht, einzeln sind wir machtlos.

Was raten Sie Vereinen, Initiativen oder auch Kommunalverwaltungen, die Community Organizing erstmals ausprobieren möchten?

Mein wichtigster Rat: Fangt klein an, aber fangt an! Viele wollen gleich die großen Themen lösen. Das führt nur zur Frustration. Beginnt mit einem konkreten, erreichbaren Problem: der kaputte Radweg, die fehlende Straßenbeleuchtung, die schlechte Busverbindung.

Zweiter Punkt: Investiert Zeit in echte Beziehungen. Das bedeutet: Führt richtige Gespräche mit den Menschen. Nicht über das Wetter, sondern über ihre Sorgen und Träume. Diese Einzelgespräche sind das Fundament jeder erfolgreichen Bürgerplattform.

Drittens: Bleibt unabhängig. Lasst euch nicht von Parteien oder anderen Interessengruppen vereinnahmen. Eure Stärke liegt in der Überparteilichkeit.

Und schließlich: Holt euch professionelle Unterstützung. Community Organizing ist ein Handwerk, das man lernen kann und muss. Niemand würde versuchen, ein Haus zu bauen, ohne zu wissen, wie man mauert.

Workshop „Beziehungsstiftende Dorf- und Stadtteilentwicklung“

Auf dem Land leben die Menschen noch echten Gemeinsinn. Die Menschen wollen sich engagieren und benötigen die richtigen Methoden. Community Organizing vermittelt diese Methoden: Wie baut man Macht auf? Wie führt man Verhandlungen? Wie bindet man Politiker an ihre Versprechen?

Der ländliche Raum gestaltet seine Zukunft selbst, statt nur den Städten zu folgen. Mit Community Organizing bestimmt ihr selbst über eure Zukunft:

Im Workshop am 11. & 12. Oktober 2025 in Vetschau zeigt Sami Atris praxisnah, wie Community Organizing Beteiligung stärkt und aus Ideen gemeinsame Aktionen entstehen.

  • Termin: 11. & 12. Oktober 2025, jeweils 10–16 Uhr

    Die Veranstaltung geht bis 16 Uhr, aber im Anschluss können individuelle Beratungen stattfinden.

  • Ort: Vetschau

  • Weitere Informationen und Anmeldung

PartizipNatur – Gemeinsam Zukunft gestalten. Naturnah!

Mit unserem Projekt PartizipNatur wollen wir zeigen, wie Gemeinden und ihre Bürger*innen aktiv Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen können.

Gemeinsam mit der Stadt Vetschau und den 10 Ortsteilen entwickeln wir lokale Lösungen für öffentliche Grünflächen, um die ökologische Nachhaltigkeit zu fördern. Durch die aktive Einbindung der Menschen vor Ort stärken wir nicht nur den Zusammenhalt in der Gemeinde, sondern schaffen auch konkrete Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität – zum Beispiel mit bienenfreundlichen Staudenbeeten auf Dorfplätzen oder naturnah gestalteten Spielplätze mit Naschecken.