Giftige Schönheiten: Bienenfreundliche Pflanzen mit Pestizidproblem
Ein Lavendelstrauch im Vorgarten, ein Blühstreifen am Dorfrand, eine Pflanzaktion auf dem Spielplatz. Für viele ist das gelebter Insektenschutz. Doch was, wenn ausgerechnet diese Pflanzen voller Pestizide stecken?
Inhalt
Immer mehr Menschen erkennen, wie stark die Vielfalt an Pflanzen und Tieren in unserer Kulturlandschaft zurückgeht. Sie kaufen bienenfreundliche Pflanzen, weil sie Gutes tun wollen. Gartencenter, Supermärkte und Baumärkte reagieren und bieten vermeintlich bienenfreundliche Blühpflanzen in großer Zahl an. Doch viele dieser Pflanzen enthalten das Gegenteil von dem, was Bienen gut tut: Pestizide.
Der schöne Schein: Blüten mit Beipackzettel
Tests des BUND und Recherchen des NDR zeigen: In als „bienenfreundlich“ beworbenen Pflanzen wurden Pestizide gefunden – oft mehrere pro Pflanze. Im Jahr 2021 waren 32 von 35 Proben belastet, 2022 waren es 42 von 44 Proben. Von den 85 Pflanzen die 2025 untersucht wurden waren 82 mit Pestizidrückständen belastet
Die Liste reicht von Nervengiften wie Spinosad und Deltamethrin bis zu nicht mehr zugelassenen Stoffen wie Carbendazim. In Lavendelproben waren bis zu elf verschiedene Wirkstoffe nachweisbar. Viele der gefundenen Wirkstoffe sind in der EU verboten. Das ist ein Hinweis darauf, dass Regeln in weltweiten Lieferketten häufig nicht wirken.
Wenn die Anzucht schon Insekten tötet
Die Pflanzen sehen gesund und kräftig aus – doch viele stammen aus Anzuchtbetrieben, in denen gegen Pilze, Läuse und Milben gespritzt wird. Das Gift bleibt in der Pflanze, oft wochenlang. Wenn Bienen Nektar und Pollen sammeln, nehmen sie die Rückstände direkt auf.
„Die Bienenfreundlichkeit endet dort, wo die Pflanzen in ihrer Anzucht mit Pestiziden behandelt wurden“, bringt es Gerd Carlson, Gartenexperte und Bildungsreferent, auf den Punkt. „Was hilft eine wunderschön blühende Pflanze, wenn sie durch Insektizide zu einer tödlichen Falle für Bestäuber wird?“
Besonders gefährlich sind Mischungen aus Insektiziden und Fungiziden. Sie können sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken und so auch kleine Mengen hochgiftig machen. Die Folge für die Insekten: Orientierungslosigkeit, schwache Brut, langsames Sterben ganzer Kolonien.
Was als bienenfreundlich verkauft wird, geht oft auf Kosten genau jener Insekten, die es schützen soll. Denn an den Anzuchtorten dieser Pflanzen sorgen Pestizide dafür, dass Bienen buchstäblich vom Himmel fallen.
Was wir tun und worauf es ankommt
Die Erkenntnisse sind ernüchternd, aber keine Entschuldigung, den Garten brach liegen zu lassen. Wer genauer hinschaut, findet viele Wege, Bienen & Co. wirklich zu helfen. Ob im eigenen Garten oder bei Pflanzaktionen im Ort.
Im Projekt PartizipNatur achten wir bei Pflanzaktionen gezielt auf die Auswahl. Wir setzen auf:
- Pflanzen aus biozertifizierten oder naturgemäß wirtschaftenden Gärtnereien,
- möglichst heimische Arten,
- und auf samenfeste Sorten aus eigenem Anbau.
Denn echter Insektenschutz beginnt nicht beim Etikett, sondern bei der Herkunft.
FAQ: Wie kaufe ich wirklich bienenfreundliche Pflanzen?
Achten Sie auf Bio-Zertifizierungen wie das EU-Bio-Siegel oder Verbandszeichen wie Bioland, Naturland oder Demeter. Diese Standards schließen den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide in der Anzucht aus. Viele ökologische Gärtnereien bieten ihre Pflanzen inzwischen auch online an. Eine gute Adresse sind zudem spezialisierte Wildstaudenbetriebe oder Naturgartenbetriebe. Adressen finden Sie unter Tausende Gärten – Tausende Arten.
Fragen Sie in der Gärtnerei oder im Baumarkt aktiv nach:
- Woher stammen die Pflanzen?
- Wurden Pestizide eingesetzt?
- Gibt es Nachweise oder Zertifikate?
Verzichten Sie im Zweifel auf auffällig billige oder massenhaft produzierte Pflanzen ohne Herkunftsnachweis. Auch ein „bienenfreundlich“-Etikett auf dem Topf sagt nichts über die Anbaumethoden.
Ja, selbst ziehen! Heimische Wildstauden, Kräuter und Blumen lassen sich gut aus Saatgut vorziehen. Das hat gleich mehrere Vorteile:
- Sie wissen genau, was drin ist (nämlich: nichts Giftiges).
- Sie fördern robuste, standortangepasste Pflanzen.
- Sie können Sorten erhalten, die im Handel kaum verfügbar sind.
Bei unserer Saatguttauschbörse im Lerngarten Raddusch geben wir samenfestes Saatgut aus unserem Permakulturgarten weiter. Das ist nicht nur kostenlos, sondern auch ein lebendiger Beitrag zum Erhalt regionaler Sorten.
Wagen Sie zudem einen Blick über den Gartenzaun: Der Tausch von Saatgut, Ablegern und Stauden schont den Geldbeutel, bringt Sie mit anderen Gärtnerinnen und Gärtnern ins Gespräch – und ein paar gute Tipps gibt’s obendrein gratis dazu.
Nein, genau das ist Teil des Problems. Der Begriff „bienenfreundlich“ ist nicht rechtlich geschützt. Er bezieht sich oft nur auf Blütenform und Nektarangebot, nicht auf die chemische Behandlung der Pflanze.
Viele Pflanzaktionen entstehen aus bürgerschaftlichem Engagement. Bringen Sie Ihre Fragen zur Pflanzenauswahl mit ein: Woher kommen die Pflanzen? Wurden sie naturgemäß produziert? Gibt es Alternativen? Im Rahmen von PartizipNatur unterstützen wir solche Vorhaben in Vetschau und seinen 10 Ortsteilen mit Beratung, Saatgut und Pflanzen sowie Fachwissen.
PartizipNatur – Gemeinsam Zukunft gestalten. Naturnah!
Mit unserem Projekt PartizipNatur wollen wir zeigen, wie Gemeinden und ihre Bürger*innen aktiv Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen können.
Gemeinsam mit der Stadt Vetschau und den 10 Ortsteilen entwickeln wir lokale Lösungen für öffentliche Grünflächen, um die ökologische Nachhaltigkeit zu fördern. Durch die aktive Einbindung der Menschen vor Ort stärken wir nicht nur den Zusammenhalt in der Gemeinde, sondern schaffen auch konkrete Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität – zum Beispiel mit bienenfreundlichen Staudenbeeten auf Dorfplätzen oder naturnah gestalteten Spielplätze mit Naschecken.