Heimat ist, wo Pflanzen aus der Kindheit wachsen
Wie kann aus einer Tagebaufläche eine blühende Wiese werden? Christina Grätz beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Renaturierung stark veränderter Landschaften. Mit ihrem Unternehmen Nagola Re hat sie sich auf die Vermehrung gebietsheimischer Wildpflanzen spezialisiert. Im Interview erklärt sie, warum Vielfalt Zeit braucht, wie alte Landschaftsbilder erhalten bleiben und warum eine Lausitzer Glockenblume wichtig ist.
Frau Grätz, Sie verwandeln karge Flächen aus dem Tagebau in blühende Landschaften. Wie beginnt man so ein Projekt?
Im Tagebau Jänschwalde fing es schon bei der Schüttung des Bodens an. Das ist häufig eine bunte Mischung aus sauren und kalkhaltigen Böden, die nicht immer optimal ist. Danach wurde vom Tagebauunternehmen ein Bodengutachten beauftragt, das Empfehlungen für die Vegetation enthielt.
Nach rund einem Jahr bekamen wir die Flächen in unsere Hände. Ich bin dann gleich rausgefahren und habe sie mir angeschaut. Dabei überlegte ich, wie das Gelände strukturiert werden kann: Wo passen Gehölze hin, wo kann ein Baum stehen? Wir berücksichtigten das Bodengutachten und unsere eigenen Analysen zu geeigneten Pflanzen für diesen Standort.
Wie ging es dann weiter?
Wir arbeiteten zwei Jahre auf den Flächen, bevor sie wieder an den Eigentümer übergingen. Wir arbeiten sehr erfolgreich mit Mahdgut- und Oberbodenübertragung aus dem Umfeld. Das hieß für Jänschwalde: Wir suchten nach geeigneten Flächen in der Umgebung und brachten den Wiesenschnitt auf der neuen Fläche aus. Natürlich haben wir auch bei uns gezüchtete Wildpflanzen nachgepflanzt.
Gibt es dabei überraschende Momente?
Ja! Wenn wir zum Beispiel Oberboden übertragen, auf dem vorher viel Heide gewachsen ist, keimen plötzlich ganz neue Pflanzenarten. Die Erklärung ist einfach: Der Boden hat einen Saatgutspeicher. Durch die Bedingungen am neuen Standort können nun ganz andere Pflanzen in Erscheinung treten.
Interesse geweckt? Vortrag von Christina Grätz am 6. März im PZNU Cottbus (19–21 Uhr).
Erleben Sie, wie aus einer Abraumkippe ein vielfältiger Lebensraum wird und was wir daraus für den Umgang mit unserer Landschaft lernen können. Der Eintritt für unsere Veranstaltung Inseln der Vielfalt: Vom kargen Tagebaurestloch zum lebendigen Naturparadies ist frei, eine Anmeldung ist erforderlich.
Warum sind heimische Wildpflanzen so wichtig für den Erhalt der Artenvielfalt?
Sie sind die Grundlage für stabile Lebensräume. Als Beispiel nehme ich die Rundblättrige Glockenblume. Es gibt Insektenarten, die auf diese Pflanze spezialisiert sind. Wenn unsere heimischen Insekten zum Fressen kommen, die Pflanze aber schon verblüht ist – weil das Saatgut aus einer anderen Region stammt –, kann das die gesamte Insektenpopulation gefährden.
Das unterscheidet Ihr Saatgut auch von herkömmlichem aus dem Baumarkt?
Es stammt genetisch von hier und ist an die Bedingungen in unserer Region angepasst. Wir benötigen zudem viel weniger Saatgut, weil es erfolgreicher anwächst.
Viele Menschen erleben den Wandel der Landschaft als Verlust. Können Renaturierungsprojekte auch helfen, ein Gefühl von Heimat zurückzubringen?
Das erlebe ich immer wieder. Wir begrünen mit Schnittgut von angrenzenden Flächen. Wenn ich mit den Bewohnern aus den Orten um die Tagebaue auf die wiederhergestellten Flächen gehe, sehen sie Pflanzen aus ihren Gärten. Viele ältere Menschen freuen sich, dass sie Pflanzen aus ihrer Kindheit hier wieder neu entdecken können. Ich kann ihnen dann auch die Pflanzen zeigen, die tatsächlich aus ihrer Umgebung stammen. So akzeptieren sie die Landschaft eher wieder als ihre Heimat.
PartizipNatur – Gemeinsam Zukunft gestalten. Naturnah!
Mit unserem Projekt PartizipNatur wollen wir zeigen, wie Gemeinden und ihre Bürger*innen aktiv Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen können.
Gemeinsam mit der Stadt Vetschau und den 10 Ortsteilen entwickeln wir lokale Lösungen für öffentliche Grünflächen, um die ökologische Nachhaltigkeit zu fördern. Durch die aktive Einbindung der Menschen vor Ort stärken wir nicht nur den Zusammenhalt in der Gemeinde, sondern schaffen auch konkrete Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität – zum Beispiel mit bienenfreundlichen Staudenbeeten auf Dorfplätzen oder naturnah gestalteten Spielplätze mit Naschecken.